Graphologie Grafologie. Informationsplattform für Grafologie, Handschrift und Schreiben

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Systematische Entwicklung von Grafologie und Schriftpsychologie im 20. Jahrhundert

Beginn der modernen Grafologie

Ausgangspunkt der Grafologie war die Beobachtung, dass die Handschriften von Mensch zu Mensch variieren (vgl. Geschichte der Grafologie). Hinzu kam die Beobachtung, dass auch Mimik, Gestik und andere Bewegungsabläufe "typisch" sind für eine Person.

Die moderne Grafologie begann - wie alle Wissenschaften - mit sorgfältigem Sammeln und Ordnen, wobei versucht wird, Zusammenhänge und Gesetzmässigkeiten zu entdecken. Verschiedene Forscher arbeiteten daran eine Systematik zu entwickeln, sie zu perfektionieren und mit den jeweils neuesten Erkenntnissen aus nahestehenden Wissenschaftsbereichen abzustimmen.
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Grafologie in Frankreich und in Deutschland

Unterschiedliche Ansätze in der grafologischen Arbeit haben sich vor allem in Frankreich und in Deutschland entwickelt:
In Frankreich erstellte Abbé Michon eine Liste von Prototypen und fasste diese in Gruppen zusammen (vgl. Geschichte der Grafologie). Generell lehnt sich die französische Grafologie stark an Erkenntnisse und Entwicklungen in der Psychologie an.
In Deutschland befassten sich vor allem Mediziner und Naturwissenschafter mit der Grafologie, sodass der Aspekt der Systematik und das Bemühen um Messbarkeit und Validität einen besonderen Stellenwert bekam (vgl. Grafologie international).
Eine Schlüsselrolle spielte die noch junge Wissenschaft im Zusammenhang mit der Dreyfusaffäre in Frankreich: Der 1894 wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse angeklagte Hauptmann Alfred Dreyfus wurde 1899 zu zehn Jahren Festungshaft und militärischer Degradierung verurteilt. 1906 wurde er voll rehabilitiert weil nachgewiesen werden konnte, dass die Dokumente, die ihn belastet hatten, gefälscht worden waren.
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Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg

Weltanschauungen und Ideologien vor und während dem 2. Weltkrieg wirkten sich auch auf die Grafologie aus. Arbeitsgemeinschaften wurden auseinandergerissen, Vorlesungen sistiert, das Erscheinen von Fachzeitschriften eingestellt.
Besonders in Deutschland mussten sich die Interessierten nach 1945 ganz neu organisieren. Einen knappen aber sehr fundierten Überblick über den Neubeginn für Graphologen im Nachkriegsdeutschland erstellte Renate Kümmell. Aus dieser "Pionierzeit" entwickelte sich die Grafologie zu einer wahren Blüte.

Mehr und mehr zeigte es sich, dass das Deuten der graphischen Merkmale allein nicht genügt. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden psychologische Erkenntnisse mit der Handschriftenanalyse verknüpft. Dieser Ansatz wurde in den folgenden Jahrzehnten von allen wichtigen Vertretern der wissenschaftlichen Grafologie verstärkt gepflegt und verfeinert, sodass heute korrekterweise nicht mehr von Grafologie, sondern von Schriftpsychologie gesprochen werden müsste. Im Alltag hat sich aber der ursprüngliche Begriff bis heute gehalten.
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Vielfalt - Chance oder Erschwernis?

Die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Forschern nach Mitteln und Wegen suchten, Grafologie und Psychologie miteinander zu verbinden, spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Vorgehensweisen (vgl. Galerie). Es gibt - wie in allen anderen ernstzunehmenden Disziplinen - nicht eine einzige "richtige" Vorgehensweise und letztlich können sich die verschiedenen Ansichten fruchtbar ergänzen.

Ein Nachteil für die Wissenschaft? Eigentlich nicht, denn nicht zuletzt die modernen Neurowissenschaften zeigen auf, dass es ganz unterschiedliche Möglichkeiten gibt, um an ein Problem heranzugehen. Das hängt von den jeweiligen persönlichen Dispositionen ab - und somit spiegelt die Vielfalt der Deutungsansätze die Vielfalt der Grafologinnen und Grafologen. Essenziell ist, dass schliesslich die Resultate der schreibenden Person gerecht werden.
Trotzdem: ein kohärenter Auftritt der Grafologie und der Grafologen nach aussen wäre der Sache dienlich. Einerseits, weil sie von aussen als lebendiges Wissensgebiet wahrgenommen würde, andererseits auch, weil damit vermehrt fachlicher Austausch möglich würde. Zudem könnte so das Bewusstsein gepflegt werden, als Individuum etwas zu einer komplexen und vielfältigen Wissenschaft beitragen zu können und diese gleichzeitig zu repräsentieren. Last but not least haben die unermüdlichen Mahner wie Teut Wallner durchaus recht, wenn sie sich um die Zukunft der Schriftpsychologie Sorgen machen und an die Fachschaft konkrete Handlungsvorschläge richten.
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